documenta fifteen: Hoffnung auf Dialog

documenta fifteen: Hoffnung auf Dialog

Nach der Verhüllung eines heftig kritisierten Werkes auf der documenta fifteen in Kassel geht die Debatte um den Umgang der Schau mit den Antisemitismus-Vorwürfen weiter. Das Internationale Auschwitz Komitee rief zum Dialog mit den Künstlern auf.

«Es wird höchste Zeit, im Rahmen dieser documenta ein Gespräch zu beginnen, die Künstler zu hören, aus welcher Weltsicht diese Bilder so entstanden sind und seitens der documenta öffentlich zu erklären, warum diese Bilder hier auf Widerstand und Ablehnung stoßen», erklärte Christoph Heubner, der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, am Dienstag.

Am Vortag hatte der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, die Verantwortlichen der Weltkunstausstellung in Kassel aufgefordert, einen Beitrag des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi wegen antisemitischer Motive zu entfernen, nachdem Fotos der Darstellungen auf Twitter kursierten. Die großflächige Banner-Installation «People’s Justice» zeigt unter anderem einen Soldaten mit Schweinsgesicht. Er trägt ein Halstuch mit einem Davidstern und einen Helm mit der Aufschrift «Mossad» – die Bezeichnung des israelischen Auslandsgeheimdienstes.

Es folgte eine Welle der Empörung bis hin zu Rücktrittsforderungen an die documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann. Die israelische Botschaft in Berlin warf der Schau vor, «Propaganda im Goebbels-Stil» zu befördern. Am Montagabend war das Banner schließlich abgedeckt worden.

Schwarze Stoffbahnen

Taring Padi habe sich gemeinsam mit der Geschäftsführung und der Künstlerischen Leitung zu diesem Schritt entschieden, da die Figurendarstellung des Kollektivs «antisemitische Lesarten ermöglicht», teilte die documenta mit, als zeitgleich schon schwarze Stoffbahnen über dem Banner entrollt wurden. Zudem kündigten die Verantwortlichen an, eine Erklärung zu dem umstrittenen Werk installieren zu wollen und ergänzend weitere externe Expertise einzuholen.

Das Banner wurde laut documenta am vergangenen Freitagnachmittag am Friedrichsplatz installiert, nachdem notwendige restauratorische Maßnahmen aufgrund von Lagerschäden an der 20 Jahre alten Arbeit durchgeführt worden seien. Das Werk wurde nicht für die documenta fifteen angefertigt, sondern war bereits 2002 erstmals auf dem South Australia Art Festival in Adelaide zu sehen.

Vorab war es seitens der documenta-Geschäftsführung offensichtlich nicht auf kritische Inhalte überprüft worden. Die Geschäftsführung sei «keine Instanz, die sich die künstlerischen Exponate vorab zur Prüfung vorlegen lassen kann und darf das auch nicht sein», sagte Generaldirektorin Schormann laut Mitteilung. Das Banner sei «im Kontext der politischen Protestbewegung Indonesiens entstanden» und dort wie an anderen außereuropäischen Orten gezeigt worden, erklärte sie. «Dies ist das erste Mal, dass die Arbeit in Deutschland und in Europa gezeigt wird. Alle Beteiligten bedauern, dass auf diese Weise Gefühle verletzt wurden.»

«Kampagne gegen Gewalt und Militarismus»

Auch das Künstlerkollektiv Taring Padi entschuldigte sich «für die in diesem Zusammenhang entstandenen Verletzungen.» Die Installation sei «Teil einer Kampagne gegen Militarismus und die Gewalt, die wir während der 32-jährigen Militärdiktatur Suhartos in Indonesien erlebt haben und deren Erbe, das sich bis heute auswirkt», teilte die Gruppe mit. Die Darstellung von Militärfiguren auf dem Banner sei Ausdruck dieser Erfahrungen.

«Alle auf dem Banner abgebildeten Figuren nehmen Bezug auf eine im politischen Kontext Indonesiens verbreitete Symbolik, zum Beispiel für die korrupte Verwaltung, die militärischen Generäle und ihre Soldaten, die als Schwein, Hund und Ratte symbolisiert werden, um ein ausbeuterisches kapitalistisches System und militärische Gewalt zu kritisieren.»

«Unsere Arbeiten enthalten keine Inhalte, die darauf abzielen, irgendwelche Bevölkerungsgruppen auf negative Weise darzustellen. Die Figuren, Zeichen, Karikaturen und andere visuellen Vokabeln in den Werken sind kulturspezifisch auf unsere eigenen Erfahrungen bezogen», erklärte die Künstler.

Während etwa von der Kulturstaatsministerin über das Auschwitz Komitee bis zur documenta-Aufsichtsratsvorsitzenden klar von antisemitischer Bildsprache die Rede war, sah die Künstlergruppe selbst das anders. Dennoch wurde nach der heftigen öffentlichen Kritik entschieden: «Als Zeichen des Respekts und mit großem Bedauern decken wir die entsprechende Arbeit ab, die in diesem speziellen Kontext in Deutschland als beleidigend empfunden wird.» Das Werk werde nun zu einem Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs in diesem Moment. «Wir hoffen, dass dieses Denkmal nun der Ausgangspunkt für einen neuen Dialog sein kann.»

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